Heute waren wir wieder im Logolino, dem hiesigen Indoorspielplatz. Das Kind mußte sich dringend austoben und das Wetter ist ja leider eher bescheiden.
Wir nehmen mittlerweile schon keine Freunde mehr für David mit, weil er die irgendwie dauernd stehen lässt. Es gibt auch keine wirklichen Freunde bisher. Keinen, mit dem er dauernd im Kindergarten spielt oder so. Er ist da so merkwürdig. Wir haben immer das Gefühl, er hat im Kindergarten am liebsten seine Ruhe vor dem nervenden, nichts-verstehenden Kleingemüse. Ab und an, für eine kurze Zeit am Tag, „gönnt“ er den anderen Kindern seine Gesellschaft, läss sie sich gewisse Zeit an seinem Spiel beteiligen oder „beehrt“ sie mit seiner Präsenz bei ihrem Spiel, aber es scheint ihm nicht wirklich etwas zu bringen. Deswegen zieht er sich relativ bald wieder zurück.
Wie dem auch sei, heute wieder im Logolino war ihm dann doch etwas langweilig zwischendrin. Am Nachbartisch war ein Kindergeburtstag von einem Jungen, der etwa in Davids Alter war. Viele Kinder waren da nicht, hauptsächlich Erwachsene. Dafür aber ein großer neuer „Transformer“, das Geburtstagsgeschenk des Jungen. David liebt Transformer, Power Ranger und das ganze Actionfigur-Gelump, schrecklich, aber was will man machen.
Nun wurde unser Filius magisch vom Nachbartisch angezogen, bzw. von dem dort thronenden Transformer. Jetzt versuchte er es auf seine ihm typische Art, mit den Jungens dort in Kontakt zu treten, um diese heilige Actionfigur einmal genau in Augenschein nehmen zu können: Er ging hin und sprach mit dem Jungen.
Für uns ist dieses Verhalten normal, wir kennen ihn nun eben schon sein ganzes Leben und für uns ist es selbstverständlich, wie er mit anderen kommuniziert. Er macht das richtig gut und anscheinend überhaupt nicht altersgemäß. Er hält Small Talk mit Fremden, wo ICH manchmal neidisch werde, wie er es so spielend schafft, Themen zu finden, über die er mit anderen sprechen kann. Er redet einfach, sagt klar und deutlich, was er möchte, versucht mit kleinen Anspielungen zu erreichen, was er erreichen möchte und benutzt in etwa den gleichen Wortschatz wie Hape und ich. Mit 5.
Leider ist das, was wir so klasse finden, für andere Kinder genau das, was ihn ausgrenzt. Die beiden (deutschen!) Jungs am Nachbartisch (es waren noch dazu leider welche von der nicht besonders netten Sorte) verstanden offenbar ausschließlich Bahnhof. Sie waren außerordentlich befremdet, dass da ein unbekanntes Kind auf sie zukommt, sie fragt, wer Geburtstag hat, um demjenigen dann zu gratulieren und anschließend ein Kompliment über den „echt tollen Transformer“ zu machen, von dem er schon im Fernsehen die Werbung gesehen habe. Ich fürchte sie verstanden höchsten sie Hälfte der Worte, die David benutzt hat.
Ihre Reaktion war, dass sie ihn ratlos anblickten, und ihm dann den Rücken zudrehten. David ist aber niemand, der sich so leicht abwimmeln lässt, deswegen hat er es auf mindestens 5 verschiedene Arten versucht, ein Gespräch mit den beiden Jungs anzufangen, nichts half. Sie drehten ihm dauernd den Rücken zu oder ließen ihn stehen.
Während diese beiden Jungs dann spielen waren, hatte er Gelegenheit, sich den Transformer genau aus der Nähe zu betrachten, somit war das für ihn ok. Aber er dachte wohl, wenn diese beiden Kinder Transformers kennen, können die sicher auch Transformer spielen. Also nicht mit der Figur, sondern als Rollenspiel. Er versuchte eine geschlagene Viertelstunde, die beiden dazu zu überreden, nichts klappte. Und er war wirklich freundlich, ich hab genau zugeschaut. Die Jungs waren völlig überfordert mit seiner Kommunikation und seinem gesamten Benehmen. Ich bin sicher, sie verstanden nur einen Bruchteil von seinem Vokabular und betrachteten ihn in etwa genauso interessiert, wie ich einer BWL-Vorlesung lauschen würde.
In den Momenten blutet mir immer mein Herz. Ich frage mich dann immer, wie schlimm das für David ist. Er merkt natürlich genau, wie anders er ist als gleichaltrige Kinder. Meist scheint er sehr zufrieden zu sein, wenn er für sich alleine seine Ruhe hat. Aber manchmal wünscht er sich offensichtlich doch so eine Art Freund, mit dem er eine Weile etwas zusammen unternehmen kann. Andere „normale“ Kinder finden sich einfach so, die treffen sich in einem Logolino, schauen sich an und verstehen sich und spielen dann für die nächste Stunde miteinander. Er findet da irgendwie nie jemanden. Gleichaltrige verstehen ihn nicht und/oder wollen nichts mit ihm zu tun haben. Und für die größeren Kinder, die er anbetet und die ihn auch verstehen, ist er ein kleiner Pupser. Das Resultat ist das Gleiche. Er bleibt alleine.
Das kratzt schon an seinem sensiblen Gemüt, da bin ich mir sicher. Auch wenn er da – dem Himmel sei Dank – eher wie sein Vater ist, und sich nicht lange den Kopf darüber zerbricht. Aber ich wünsche mir doch einen richtigen Freund für ihn. Einen, der ihn versteht. Einen, der ihm auch mal Bescheid stoßen kann. Einen, der ihm ebenbürtig ist. Einen, der mit ihm durch Dick und Dünn geht, wie man so schön sagt.
Ich drücke ihm die Daumen.